
Eine Ausstellung von und für Schüler*innen ab 12 mit anschließender Diskussion mit Lehrer*innen und Teilnehmenden des Werkstattgesprächs
Im deutschen Erinnerungsdiskurs ist häufig vom Verhältnis zwischen Schuld und Verantwortung die Rede. Während Schuld juristisch, ökonomisch oder religiös verstanden werden kann und stets individuelle Zurechenbarkeit voraussetzt, beschreibt Verantwortung eine gegenwarts- und zukunftsbezogene Haltung, die auch von späteren Generationen übernommen werden kann. Gerade deshalb ist der Begriff der Kollektivschuld umstritten: Er spielt in der populären Debatte eine große Rolle, besitzt aber in der wissenschaftlichen Erinnerungskultur kaum Legitimität. Historisch wurde er – wie Jane Wegewitz zeigt – bereits 1946 von nationalsozialistischen Akteuren verwendet, um die Entnazifizierung als ungerechtfertigten Generalvorwurf zu diskreditieren.
Im Verlauf der Bundesrepublik tauchte der Begriff immer wieder im politischen Streit auf. In den 1950er-Jahren prägten Vertreter der Neuen Rechten Begriffe wie „hysterischer Bewältigungsrummel“, um die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit abzuwerten. Später kritisierte Franz Josef Strauß in den 1970ern eine angebliche „Dauerbuße“, und auch Richard von Weizsäckers Rede von 1985, in der der 8. Mai erstmals als „Tag der Befreiung“ bezeichnet wurde, stieß auf Vorwürfe eines „Schuldkults“. Die 1990er-Jahre brachten weitere Wendepunkte: 1991 wurde das Holocaust-Denkmal in Berlin beschlossen, 1994 die Holocaustleugnung strafbar, und Martin Walsers Rede von 1998 griff mit dem Begriff der „Gedenkroutine“ bewusst ein Tabu an.
Parallel dazu etablierte sich eine differenzierte Erinnerungskultur, die Schuld nicht als kollektiv vererbtes Merkmal, sondern als Ausgangspunkt für Erkenntnis und politische Orientierung versteht. Sie bezieht universelle normative Grundlagen ein – Menschenrechte, Völkerrecht, die Lehren aus der europäischen Geschichte – und fragt danach, wie Verantwortung in Bildung, Politik und Alltag praktisch wird. Dabei rückt die Frage in den Blick, in welchen Situationen Individuen heute selbst Verantwortung übernehmen: sei es im demokratischen Handeln, im Eintreten für Menschenrechte oder im bewussten Umgang mit historischen Kontinuitäten.
Die Rede von Kollektivschuld wirft auch psychologische und gesellschaftliche Fragen auf: Welche Folgen hätte ein solches Konzept für Einzelne? Genannt werden etwa Verkrampfungen im Umgang mit der eigenen Familiengeschichte oder die Weitergabe ungelöster Konflikte über Generationen hinweg. Zugleich stehen Staaten und Gesellschaften vor der Herausforderung, Wege zwischen Verdrängung und produktiver Erinnerungsarbeit zu finden. International existieren unterschiedliche Modelle – vom „kommunikativen Vergessen“ über Wahrheits- und Versöhnungskommissionen wie in Südafrika bis zur rechtlich-politischen Vergangenheitsbewältigung in Europa.
Im Ergebnis geht der deutsche Erinnerungsdiskurs weniger von Kollektivschuld aus, sondern von der Möglichkeit, Vergangenheit zu begreifen, Verantwortung anzunehmen und daraus konkrete ethische und politische Konsequenzen für Gegenwart und Zukunft abzuleiten – ein Anliegen, das auch international unter Formeln wie „Von den Deutschen lernen“ diskutiert wird.
Programm
16:00 Uhr Ortsmarkierung des Kunstprojekts »GRAVUREN. Mahndepots in Dresden«
16:30 Uhr Bannerausstellung des ZWEITZEUGEN e.V.
17:00 Uhr Ausstellung DIENEUn
17:30 Uhr Suppe wird serviert
18:00 Uhr Werkstattgespräch DISKURSKURS: Wie erinnern?
Schüler:innen und Lehrer:innen der Oberschule Pieschen laden ein zur Diskussion, denn es gibt Redebedarf: Die letzten Zeitzeug:innen des Holocaust sterben, wie können wir trotzdem an sie erinnern? Moderation des Gesprächs: Eva Majbour, Bildungsreferentin, ZWEITZEUGEN e.V.
19:30 Uhr Ende
Eine Kooperationsveranstaltung von der sächsischen Landesarbeitsgemeinschaft Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus (sLAG), der Oberschule Pieschen und dem Zentralwerk e.V.
Details: Zentralwerk Dresden e.V.